Reiseziel Baltikum
Sommerzeit - Urlaubszeit - Reisezeit.
Alle Jahre wieder. Und alle Jahre wieder ist das Phänomen auszumachen, daß ein biederer Beamtenmensch, eine korrekte Lehrerin, ein lieber Opa, im Alltagsleben unauffällige Menschen also, im Urlaub völlig ausrasten.

Nicht nur, daß in deutschsprachigen Breitengraden alle Jahre wieder Urlaubszeit auch „stau mal wieder“ heißt. Kilometerlange Autoschlangen auf den Autobahnen, stundenlanges Schmoren in oder neben dem Auto in praller Sonne. Alle Jahre wieder ist auch intolerantes Meckern über das Fremde an der Urlauber-Tagesordnung.

„Nicht überall ist mit westlichem Standard zu rechnen“, warnen Reiseprospekte. Was immer er auch ist, der „westliche Standard“, tatsächlich beginnt der Urlauber nach wenigen Stunden im Nicht-Westlichen-Land zu schimpfen, weil er nicht seinen Braten von zu Hause bekommt, weil das Bier anders schmeckt – und weil überhaupt so vieles anders ist als zu Hause.

Warum der Urlauber nicht der naheliegendsten Idee folgt, nämlich gleich zu Hause zu bleiben, das wissen vermutlich nicht mal die Götter.

Im Urlaub hat man wegzufahren. So tut's der Nachbar, so tut's dann der Nachbar des Nachbarn auch.

Aber vielleicht ist folgendes Argument für den Urlauber wirklich überdenkenswert: Wer es im Urlaub wie zu Hause haben will, soll doch zu Hause bleiben. Wer westlichen Standard will, soll doch nicht gen Norden, Süden oder Osten fahren. So einfach ist das.

Nur – aus für mich unerfindlichen Gründen – halten sich viele Urlauber nicht an diese einfache Regel. Es gibt doch heute für so vieles  Tests und Prüfungen. Ich plädiere für die Einführung einer Prüfung: Ist der Urlauber, der Tourist „reif“ genug für das Land seiner Ziele?

Es gilt einfach, den Urlauber für fremde Sitten und Gebräuche sensibler und vor allem einsichtiger zu machen. Nicht die Menschen im fremden Land haben sich meinen Gewohnheiten anzupassen, sondern ich habe mich den Gegebenheiten des Gastlandes anzupassen und deren Lebensweise zu respektieren.

Zu den allerschlimmsten Auswüchsen des Tourismus gehört wohl der Sex-Tourismus kranker Männer, deren Hirn ganz offensichtlich zwischen die Beine gerutscht ist. Vertreter der internationalen Kampagne „End Child Prostitution, Pornography and Trafficking“ (ECPAT) haben sich zum Ziel gesetzt, gegen Kindesmißbrauch im Tourismus zu kämpfen und fordern schärfere Gesetzt und konsequente Strafverfolgung. Vorreiter in diesem Prozeß ist Schweden, wo gemeinsam mit Reiseveranstaltern ein Verhaltenskodex  erarbeitet wurde. In vielen Schulungen sensibilisiert ECPAT-Schweden Mitarbeiter von Reisebüros und -veranstaltern.

Tourismus nimmt weltweit immer mehr zu. Die Prognosen für 2002 liegen bei mehr als 1.6 Milliarden Reisenden. Und die Experten sind sich einig, daß Schäden für die Gesellschaften und für die Umwelt der bereisten Länder nicht abzusehen seien, wenn es nicht allgemein gültige Richtlinien für den Reiseverkehr gebe.

Kann wirklich erst ein Gesetz mit entsprechenden Strafen bei Übertretung dazu führen, daß sich Menschen in einem fremden Land wie Menschen benehmen, und nicht – weil in Urlaubsstimmung – wie hirn- und gefühllose Berserker?

(Fortsetzung:  siehe Baltische Rundschau, Papierausgabe Nr. 7(62), Juli 2000)